Zweites Leben 1995-2001

Auf Drängen meines Klassenvorstands Gerda Gugganig, die mein Talent erkannte, besuchte ich die HTBLA Ortwein – künstlerischer Zweig, Abteilung Bildhauerei, in Graz. Sie und meine Mutter waren die treibenden Kräfte bei der Umsetzung meines Weggehens von „Zuhause“. Sie setzten sich durch, gegen den Patriarchen meiner Familie, der eine andere Vorstellung meiner Zukunft hatte – aber ich denke dies war nicht mal böse gemeint, das haben Väter nun mal meistens so an sich … dürfte wohl genetisch verankert sein.

 

Beim Aufnahmetest schnitt ich Hauptschulkind im praktischen Teil ob meines sensationellen großen mathematischen „Untalents“, natürlich äußerst schlecht ab … zu schlecht für eine HTBLA. Und dennoch nahm ich die Hürde Ausschlussverfahren, dank meines sehr guten Abschneidens im künstlerischen Part des Aufnahmeverfahrens. Da war es wieder, das Talent und der rote Faden, der mir die Schlinge vom Kopf zog.

 

Und siehe da, ich, das Landkind, das dachte es würde irgendwann Bäuerin werden, ging in die große Stadt in die „höher bildende Schule“ wie man das so schön nennt – unfassbar, ich konnte es anfangs gar nicht glauben.
Nach anfänglicher Schüchternheit und Angepasstheit, glänzte ich in der Schule schließlich mehr mit Schwänzen – um ehrlich zu sein, ich war eine wahre Meisterin im Schwänzen. Soweit ich weiß, halte ich bis dato noch immer den Fehlstundenrekord zusammen mit einer lieben Freundin …

 

Mit meinem Skizzenbuch an der sacht vor sich hinziehenden, glucksenden Mur zu sitzen gab mir mehr, als im Atelier der Bildhauerei Steine und Hölzer zu bearbeiten oder im Atelier der Malerei vorgegebene Themen herunter zu klopfen.
Ich konnte nichts anfangen mit Zurechtweisungen, die meinen Unwillen kritisierten, nicht in angemessener Form zu erklären, wie, wo, warum, weswegen ich welche Themenvorgabe so oder so ausgeführt hatte. „Das ist, als würde ich Ihnen erlauben mir beim Duschen zuzuschauen“ war leider kein schlagendes Argument für meine Lehrer – schon eher eine Provokation wie sich herausstellte.

 

Also gewöhnte ich mir wie alle anderen an, viele Fremdwörter in Bildbeschreibungen einzubauen und Entstehungsprozesse auf eine Weise schriftlich festzuhalten, die den, der die Worthülsen ob seines Bildungsgrades verstand, über den Pöbel emporhob und in seiner Eitelkeit befriedigte. Meine Lehrer waren endlich zufrieden und sahen dadurch über so manche Untat meinerseits hinweg.

 

Ich begriff, dass es in der Kunstwelt anscheinend darum ging, den intellektuellen Schein aufzubauen und streng zu verschweigen, dass das, was da aus mir rauskam, meine Muse diktierte, mein Instinkt, mein Gefühl und meine Sicht auf die Abläufe dieser Welt – dieses unglaublich große und besondere Ding, das weder erfassbar noch analysierbar ist.
Ich habe damals verstanden, dass ich mich angreifbar machte mit dem wahren Grund für meine Werke und, dass ich mir mit dem so dringend geforderten hochtrabenden Geschwurbel, das dieses irre, künstlich aufgeblasenen Konstrukt Kunstmarkt verlangt, die Freiheit erkaufte in Ruhe und ganz ungestört meinem Auftrag der Muse gegenüber nachzukommen.

 

Nach der Matura beschloss ich, jung und verrückt wie ich war, der Kunst für immer den Rücken zu kehren. Ich wollte mit so etwas aufgeblasenem, sinn-, geist- und seelenlosem wie dem Kunstmarkt nichts mehr zu tun haben. Wie naiv, sich seinem eigenen Talent und Hunger entziehen zu wollen, aber man hat nun mal seine dramatischen Phasen in jungen Jahren.

 

© tamara-matara