Drittes Leben : 2001-2006

Nach meiner schulischen Ausbildung und einem kurzen Auftritt im Psychologiestudium, das durch die ungeahnte Menge an Statistik und Mathematik schon nach zwei Semestern meine Hingabe verlor, begann ich zu jobben. Da ich mich nicht entscheiden konnte was ich werden wollte, wurde ich einfach alles.

 

Werberin, Fabrikarbeiterin, Verkäuferin, Fräserin und Dreherin … alles besser, für mich ehrlicheres Geld, als das meines Vaters, das immer an seinen Vorstellungen wie mein Weg auszusehen hat geknüpft war was denke ich eben nun mal üblich ist. Ich fürchte, ich hatte großen Anteil an seiner schwindenden Haarpracht und den kleinen silbernen Strähnen am Haupte. Zwar wandte ich mich von meinem Talent und Hunger ob diverser Jobbedingungen ab, opfern wollte ich es jedoch nie.
Zeitgleich fand damals auch die Scheidung meiner Eltern statt, über die ich sehr froh war. Öl und Feuer können nicht zusammen funktionieren es sei denn, man will einen Flächenbrand provozieren. Ich erlebte damals wie es ist, wenn eine geschwächte Person einem übergroßen Gegner gegenübersteht, alles verliert, dabei aber das größte im Leben gewinnt – die Freiheit.
„Freedom is just another word for nothing else to lose.“
Janis Joplin hat es gesungen und ich habe es damals zum ersten Mal verstanden.

 

Geheim, fast vor mir selbst verborgen, zeichnete ich mich in freien Stunden durch diese aufwühlende Zeit des zwischenmenschlichen Krieges. Nur für mich, ohne analysiert, bewertet oder benotet zu werden – ich fing an meine Stifte und Gabe wieder zu lieben, was das wohl Beste war, was mir durch diese stürmische Zeit widerfuhr.
Meine Mutter fand bald darauf ihr Glück, das jedoch ein großes Opfer von ihr forderte. Sie wanderte nach Australien aus, musste jedoch meinen Bruder Christoph zurücklassen.

 

Ein Drahtseilakt begann – Schwester bleiben und nicht in die Mutterrolle fallen. Für meinen Bruder da sein, jederzeit und gerne, sich aber nicht opfern. Es war wieder einmal eine Zeit, die mich besonders tief prägte. Die Herausforderung war groß – nur, ist man trainiert ordentlich was halftern zu können, merkt man das Gewicht der Verantwortung gar nicht so sehr – man schafft selbst größte Hürden auf wundersame Weise ganz leicht.
Dennoch fiel mir nach einiger Zeit eine Veränderung meines Wesens auf. Eine Müdigkeit und Verbitterung, die mir bis dahin nicht bekannt war. Keine Stifte oder Farben konnten diese Entwicklung aufhalten. Meine Bilder, die ich nur für mich selbst malte und auch nie an die Öffentlichkeit gelangen werden, sprachen eine düstere Sprache.
Ich realisierte, dass das nicht mehr ich selbst war und da es wirklich mehr als genug Grantler und garstige Leute auf dieser Welt gibt beschloss ich, etwas dagegen zu unternehmen, auszubrechen um nicht selbst einer von ihnen zu werden.

 

Ich löste meine Wohnung auf, verkaufte meine Habseligkeiten und organisierte mir Flugtickets – nach Australien und von Neuseeland wieder zurück nach Österreich. Mein Bruder war froh ob des Rückflugtickets und ich dennoch frei, mich wieder selbst zu finden. Wichtigstes Gepäckstück in meinem Rucksack war selbstverständlich ein kleiner, neuer Zeichenblock und, eh klar, meine Stifte.

 

Nach einem Besuch bei meiner Mutter und vielen klärenden Gesprächen, reiste ich sechs Monate mit leichtem Gepäck durch Australien und Neuseeland. Mein Budget war knapp, also arbeitete ich anfangs auf diversen Farmen … und zeichnete.

 

Meine Werke waren mir dann Türöffner zu so manchem Festival, wo ich mir mit den kleinen Bildern mein Zubrot verdiente und Bühnendekorationen fertigte.
Und dann passierte es. Bei den wunderschönen Huka Falls in Neuseeland, mitten in wilder und freier Natur, zeichnete ich das erste Mal SIE.

 

Die Figur, die mein gesamtes späteres Schaffen begleiten sollte. Sie, die bis heute meinen Botschaften und Themen ein Gesicht gibt. Oft und bis heute wurde ich gefragt, wer sie ist, was sie bedeutet und bis vor kurzem, als ich die vorerst letzte Schicksalsprüfung meisterte, konnte ich diese Frage nicht beantworten. Ich wusste nur vom ersten Moment weg, Sie ist wichtig, Sie ist meine Erzählerin, mein Mittelpunkt und meine Botschafterin. Sie ist wohl meine große Liebe. Erst heute weiß ich, Sie ist mein Ich.

 

Als ich zurück war, dachte ich, die Zeit wäre nun reif, mich ab und an Mal der Öffentlichkeit zu zeigen mit meinen Werken. Mich der Kunstwelt wieder zu öffnen und meine Scheu und Abneigung davor abzulegen. Mich künstlerisch wieder greifbar und angreifbar zu machen.

 

© tamara-matara